ANTHROPOSOPHIE + KIRCHE


Wenn
sich Anthroposophen für eine Mitgliedschaft in einer "Kirche" / Konfession entscheiden,
so kommt in der Regel nur die Kirche "Die Christengemeinschaft" in Frage,
vor allem weil die Ratschläge bei der Begründung von Rudolf Steiner kamen
und damit eine spirituelle Tiefe vorausgesetzt werden kann,
die sich in anderen Kirchen nicht findet,
zumal die Leitungsebene, d.h. alle Priester der "Christengemeinschaft"
auch Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft
und auch der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sind.

Dennoch scheinen die Gründungsintentionen der "Christengemeinschaft"
von den "Doppelmitgliedern" (so wurden diejenigen benannt, die Mitglied
der Anthroposophischen Gesellschaft UND der "Christengemeinschaft" sind)
nicht begriffen worden, bzw. aufgrund mangelnder Information
und auch Missverständnissen
die kultushistorisch wichtige Aufgabe der "Christengemeinschaft" nicht wahrnahmen
und so die ganze okkupierte Bewegung "zur Fruchtlosigkeit" führten.
Denn die Aufgabe der "Christengemeinschaft"
war und ist "Vorschule" (Steiner!) zur Anthroposophie zu sein,
für diejenigen, die den Weg zur Anthroposophie NOCH nicht finden können,
für all die spirituell Suchenden in den Kirchen, die eigentlich weiterschreiten wollen,
aber noch keine Möglichkeit haben, DIREKT die Anthroposophie aufzunehmen,
bzw. Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft zu werden. ...
Diese Möglichkeit, Fähigkeit, dieses Bedürfnis sollte die "Christengemeinschaft" wecken.

Deshalb soll hier nun doch zur Klärung
Rudolf Steiner ungekürzt Stellung beziehen,
wie er das grundsätzlich am 30.12.1922 
versuchte der Mitgliedschaft deutlich zu machen .. 
(scheinbar) vergeblich ...



Zusammenfassung ! :

Wer nur die Kernaussagen zur Kenntnis nehmen möchte,
findet diese
hier am Ende der Seite  zusammengefasst !



Anthroposophie 
und 
»Christengemeinschaft«

 

Die Stellung 
der Kirche »Die Christengemeinschaft« 
zur anthroposophischen Bewegung



 

 

Rudolf Steiner 

 

(162)  » Hier an diesem Orte habe ich es öfter ausgesprochen, wie in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung eine harmonische Einheit umschlossen hat Wissenschaft, Kunst und Religion. Wer auf die eine oder andere Art von dem Wesen älterer Mysterien Kenntnis gewin­nen kann, der weiß, dass innerhalb dieser Mysterien das Wissen, die Erkenntnis gesucht worden ist als eine Offenbarung des Geistigen in seiner Bildgestalt auf jene Art, wie man es in älteren Zeiten hat suchen können. Diese Art kann nicht mehr die unsrige sein, aber wir müssen in unserem Zeitalter wiederum bis zur Erkenntnis des geistigen Wesens der Welt vorschreiten. 

            Allen älteren Weltanschauungen liegt eine bildhafte Erkenntnis des Geistigen zugrunde. Diese Erkenntnis des Geistigen lebte sich aber unmittelbar so aus, dass sie nicht bloß im Worte mitgeteilt wurde, sondern durch diejenigen Mittel, die allmählich zu unseren Kunstmitteln geworden sind: die körperlich-bildhafte Darstellung in den bildenden Künsten, die Darstellung durch Ton und Wort in den musikalischen und redenden Künsten. Aber von dieser zweiten Stufe kam es dann zur dritten Stufe, zu der religiös-kultischen Offenbarung des Wesens der Welt, durch die sich der ganze Mensch zu dem göttlich-geistigen Weltengrunde erhoben fühlte, nicht bloß in einer gedankenmäßigen Art, auch nicht bloß in einer gefühlsmäßigen Art, 
wie durch die Kunst, sondern so, dass Gedanken und Gefühle und auch der innerste Willensimpuls sich an dieses Göttlich-Geistige hin­gaben. Und dasjenige, durch welches 
die äusseren Willenshandlungen des Menschen durchgeistigt werden sollten, waren die Opferhand­lungen, die Kultushandlungen. Man fühlte die lebendige Einheit in Wissenschaft, 
so wie man sie sich damals vorstellte, in Kunst, in Religion.    

            Das Ideal des gegenwärtigen Geisteslebens muss dahin gehen, wiederum eine Erkenntnis zu gewinnen, welche das verwirklichen kann, was Goethe schon geahnt hat:
dass sie sich erhebt zur Kunst - nicht etwa zur symbolischen oder allegorischen Kunst,
sondern zur wirklichen (163) Kunst, zum Schaffen und Formen in Tönen, in Worten -, 
dass sie sich aber auch vertieft zum unmittelbaren religiösen Erleben. Nur wer anthropo-
sophische Geisteswissenschaft so erfasst, dass er in ihr diesen Impuls sieht, erfasst sie eigentlich in ihrem wahren Wesen. Es ist selbstverständlich, dass die Menschheit verschiedene Schritte in ihrer Geistesentwickelung wird machen müssen, um zur Verwirklich­ung eines solchen Ideales zu kommen. Aber in dem geduldigen Sich-Hingeben an diese Schritte liegt dasjenige, was die anthroposophische Bewegung vorzugsweise betätigen muss.  

            Nun möchte ich innerhalb dieser hier jetzt zu haltenden anthroposophischen Vorträge von einem besonderen Gesichtspunkte aus gerade über diesen jetzt charakterisierten Impuls der anthropo­sophischen Bewegung sprechen. Wenn ich meine Ausführungen getan haben werde, werden Sie vielleicht sehen, welches eigentlich die tiefere Veranlassung zu diesen Auseinandersetzungen ist. Und ich mochte im Voraus bemerken, dass heute schon anthroposophische Bewegung längst nicht mehr zusammenfällt mit Anthroposophischer Gesellschaft, aber dass die Anthroposophische Gesellschaft, wenn sie ihr Wesen verwirklichen will, tatsächlich voll tragen muss den Impuls der anthroposophischen Bewegung.

            Die anthroposophische Bewegung hat weitere Kreise ergriffen als bloß die Anthropo-
sophische Gesellschaft. Das machte notwendig, dass in der letzten Zeit die Art des Wirkens 
für die anthropo­sophische Bewegung eine etwas andere sein musste als in derjenigen Zeit, 
in welcher im Wesentlichen die anthroposophische Bewegung in der anthroposophischen Gesellschaft beschlossen war. Aber die Anthroposophische Gesellschaft kann nur ihr Wesen erfüllen, wenn sie sich als Kern der anthroposophischen Bewegung fühlt. 

            Nun muss ich, um nicht bloß theoretisch, sondern real ver­ständlich zu werden, in Bezug auf dasjenige, was ich jetzt gesagt habe, Ihnen einiges von dem mitteilen, was sich mit Bezug auf eine andere Bewegung als die anthroposophische es ist, in der letzten Zeit zuge­tragen hat, weil, wenn ich das nicht täte, leicht Missverständnisse entstehen könnten. Ich will deshalb heute episodisch erzählen, in welcher Form eine religiös-kultische Bewegung entstanden ist, die mit (164) der anthroposophischen Bewegung allerdings viel zu tun hat, aber nicht mit ihr verwechselt werden sollte: die religiös-kultische Be­wegung, welche sich nennt, >Bewegung für religiöse Erneuerung<, zur Erneuerung des Christentums. Die Stellung dieser Bewegung zur anthroposophischen Bewegung wird verständlich werden, wenn zu­nächst zum Behufe der Herstellung dieses Verständnisses von den Formen ausgegangen wird, in denen sich diese Bewegung für religiöse Erneuerung entwickelt hat.   

            Es ist jetzt eine Zeit lang her, da kamen eine geringe Anzahl begeisterter jüngerer Theologen zu mir, christlicher Theologen, die darinnenstanden, ihr theologisches Studium 
zu beenden, um ins prak­tische Seelsorgerwirken überzutreten. Sie kamen zu mir und sagten mir etwa dieses: Derjenige, der heute mit einem wirklich hingebungs­vollen christlichen Herzen als Studierender aufnimmt die ihm universi­tätsmäßig gebotene Theologie, fühlt sich zuletzt, wie wenn er für sein zu erwartendes praktisches Seelsorgerwirken keinen festen Boden unter den Füßen hätte. - Die theologisch-religiöse Bewegung hat all­mählich Formen angenommen, die ihr nicht gestatten, dasjenige wirk­lich hineinzugießen in das Seelsorgerwirken, was lebendig ausgehen muss von dem Mysterium von Golgatha, was lebendig ausgehen muss von dem Bewusstsein, dass durch das Mysterium von Golgatha die Christus-Wesenheit, die vorher 
in geistigen Welten weilte, sich ver­bunden hat mit dem menschlichen Erdenleben und im menschlichen Erdenleben weiterwirkt. Man machte mir ungefähr bemerklich, dass in den Seelen derer, die da kamen, die Empfindung lebt, dass eine Erneuerung des ganzen theolo-
gischen Impulses und des ganzen religiösen Impulses notwendig sei, wenn das Christentum lebendig erhalten werden soll, wenn das Christentum so erhalten werden soll, dass es auch 
die wirklich lebendige Kraft für unser ganzes geistiges Leben sein kann. Und es ist klar, 
dass der religiöse Impuls nur da­durch seine wahre Bedeutung hat, dass er den Menschen 
in seinem Wesen so tief ergreift, dass er allerdings alles andere, was der Mensch aus seinem Denken, Fühlen und Wollen hervorbringt, durchdringt. 

            Ich bemerkte zunächst denjenigen, die zu mir kamen, damit ich ihnen helfe in dem,
was sie anstrebten und woanders nicht finden (165) konnten als da, wo anthroposophische Geisteswissenschaft heute in die Welt tritt, ich bemerkte zunächst diesen nach einer religiösen Erneuerung suchenden Menschen, dass es notwendig sei, nicht aus irgendeinem Einzel-
enthusiasmus heraus zu wirken, sondern dass es darauf ankommt, dasjenige, was in weiteren Kreisen ein wenn auch mehr oder weniger unbewusst vorhandenes gleiches Streben ist, 
ge­wissermaßen zu sammeln. Ich bemerkte diesen Persönlichkeiten, dass ihr Streben selbstverständlich kein vereinzeltes ist, sondern dass sie vielleicht intensiver als manche andere, aber dennoch nur dasjenige in ihrem Herzen fühlten, was zahlreiche Menschen 
der Gegenwart fühlen, dass aber, wenn es sich handelt um religiöse Erneuerung, zu­nächst 
von der breiten Basis ausgegangen werden muss, innerhalb welcher zu finden sind eine größere Anzahl von Menschen, aus deren Herzen heraus das Streben nach religiöser Erneuerung quillt.   

            Nach einiger Zeit kamen dann die betreffenden Persönlich­keiten wieder zu mir. 
Sie hatten das als berechtigt durchaus hinge­nommen, was ich ihnen gesagt habe, 
und sie bemerkten mir dann, dass sich zu ihnen gesellt hatte bereits eine größere Anzahl jüngerer Theologen, die in der gleichen Lage wären, aus der Unbefriedigtheit des gegen-
wärtigen theologisch-religiösen Universitatsstrebens heraus in das Pfarramt, das heißt 
in die praktische Seelsorge überzutreten, und dass Aussicht vorhanden sei, dass der Kreis 
sich erweitere. Ich sagte: Es ist ganz selbstverständlich, dass es zunächst nicht allein darauf ankommt, dass gewissermaßen eine Anzahl von Predigern und Seelsorgern da sei, und dass nicht nur diejenigen in die religiöse Er­neuerung hineingezogen werden sollten, welche zu lehren und die Seelsorge auszuüben haben, sondern vor allen Dingen diejenigen, die mit dem Charakter des reinen hingebungsvollen Bekenners heute zahlreich vorhanden seien; dass man sich bewusst sein müsse, dass zahlreiche Menschen heute in der Welt leben, die - mehr oder weniger dumpf in ihrem Gemüte einen starken religiösen Trieb haben, und zwar einen spezifisch christlich-religiösen Trieb, dass aber dieser christlich religiöse Trieb durch dasjenige, was heute nach der Entwickelung, die eben das Theologisch-Religiöse genommen hat, 
nicht befriedigt werden kann. 

            (166)  Ich deutete darauf hin, wie es also Bevölkerungskreise gibt, die nicht innerhalb
der anthroposophischen Bewegung stehen, die auch zunächst keinen Weg finden aus der Verfassung ihrer Seele, aus der Verfassung ihres Herzens heraus zur anthroposophischen Bewegung hin.
  Ich bemerkte weiter auch, dass für die anthroposophische Bewegung 
es zunächst darauf ankomme, klar und deutlich das zu durchschauen, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem einfach durch die Ent­wickelung der Welt eine Summe von geistigen Wahrheiten, Wahr­heiten über einen wirklichen geistigen Weltinhalt, von den Menschen, 
wenn sie Geistesforscher werden, gefunden werden könne - wenn sie Geistesforscher 
werden wollen; dass jedoch, wenn sie nicht Geistes­forscher werden wollen, aber nach der Wahrheit streben, wie sie heute dem Menschen sich erschliessen muss, wenn er sich 
seiner menschlichen Würde bewusst ist, von solchen Menschen diese von Geistesforschern gefundenen Wahrheiten verstanden werden kön­nen mit dem gewöhnlichen gesunden, 
aber eben wirklich gesunden Menschenverstand.   

            Ich bemerkte, dass die anthroposophische Bewegung darauf beruht, dass derjenige,
der den Weg findet zur anthroposophischen Bewegung, zunächst weiß, dass es in der Haupt-
sache darauf an­kommt, dass die heute der Menschheit zugänglichen geistigen Wahr­heiten
die Herzen und die Seelen ergreifen als Erkenntnisse. Alles dasjenige, worauf es im Wesent-
lichen ankommt, ist, dass diese Er­kenntnisse zunächst in das menschliche Geistesleben eintreten. Es kommt selbstverständlich nicht darauf an, wie derjenige, der innerhalb der anthroposophischen Bewegung steht, etwa in diesem oder jenem Wissenschaftlichen bewandert ist. In der anthroposophischen Be­wegung kann man stehen, ohne dass man irgendwie einen wissen­schaftlichen Drang oder eine wissenschaftliche Anlage hat, denn,
wie gesagt, für den Menschenverstand, der gesund ist, sind die anthropo­sophischen Wahrheiten, wenn er sich nur durch kein Vorurteil trüben lässt, durchaus verständlich.
Und ich bemerkte:  wenn eine genügend große Anzahl von Menschen heute schon aus ihrer Herzens- und Seelen­anlage heraus den Weg zur anthroposophischen Bewegung fände, 
dann würde sich alles dasjenige, was für die religiösen Ziele und religiösen (167) Ideale notwendig ist, mit der anthroposophischen Erkenntnis allmählich auch aus der anthropo-
sophischen Bewegung heraus ergeben.   

            Aber es gibt sehr zahlreiche Menschen, welche den angedeuteten Drang und Trieb nach einer religiösen Erneuerung haben, namentlich nach einer christlich-religiösen Erneuerung, 
und die einfach dadurch, dass sie in gewissen Kulturzusammenhängen drinnenstehen, 
den Weg in die anthro­posophische Bewegung nicht finden können. Für diese Menschen 
ist das heute Notwendige dies, dass auf eine für sie geeignete Weise der Weg in das der heutigen Menschheit gemäße Geistesleben hinein gefunden werde.

            Ich bemerkte, dass es dabei ankommt auf Gemeindebilden, dass dasjenige, was erreicht werden soll, von dem Anthroposophi­schen zunächst allerdings innerhalb der einzelnen Individualität erreicht werden kann, dass aber aus dieser Erkenntnis heraus, die sich auf individuelle Weise ergibt, ganz durch innere Notwendigkeit jenes soziale Wirken, ethisch-religiös soziale Wirken, folgen müsse, welches die Zukunft der Menschheit braucht.    

            Es kommt also darauf an, denjenigen Menschen etwas zu geben, die zunächst -
man muss da die historisch gegebene Not­wendigkeit ins Auge fassen - nicht in der Lage sind,
unmittelbar den Gang zur anthroposophischen Bewegung anzutreten. Für sie muss durch Gemeindebilden in herzlichem, seelischem und geistigem Zu­sammenwirken der Geistesweg gesucht werden, welcher heute der der menschlichen Entwickelung angemessene ist.
So dass dasjenige, was ich damals aus den Notwendigkeiten unserer Menschheitsent­wicke-
lung heraus diesen suchenden Persönlichkeiten zu sagen hatte, sich etwa zusammenfassen lässt mit den Worten:  Es ist notwendig für die heutige Menschheitsentwickelung, dass die anthroposophische Bewegung immer mehr und mehr wachse, wachse aus ihren Be­dingungen heraus, nicht gestört werde in diesem Wachsen aus ihren Bedingungen heraus, die namentlich darinnen bestehen, dass jene geistigen Wahrheiten, die einfach aus der geistigen Welt zu uns wollen, zunächst unmittelbar in die Herzen eindringen, so dass die Menschen durch diese geistigen Wahrheiten erstarken. Dann werden sie den Weg finden, der auf der einen Seite
ein künstlerischer, auf der andern Seite ein religiös-ethisch-sozialer (168) sein wird.
Diesen Weg geht die anthroposophische Bewegung, seit sie besteht. Für diese anthropo-
sophische Bewegung ist, wenn nur dieser Weg richtig verstanden wird, kein anderer  notwendig.  

            Die Notwendigkeit eines andern Weges ergibt sich für diejenigen Menschen,
welche diesen Weg unmittelbar nicht gehen können, welche durch Gemeindebilden,
im Zusammenarbeiten innerhalb der Gemeinde, einen andern Weg gehen müssen, der,
ich möchte sagen, mit dem anthro­posophischen erst später zusammenführt.

So dass dadurch die Perspek­tive eröffnet war für zwei nebeneinander hergehende Bewegungen: Die anthroposophische Bewegung, die dann ihre wirklichen Ziele erreicht,
wenn sie dasjenige, was ursprünglich in ihr lag, wirklich auch sinn- und kraftgemäß verfolgt
und sich in dieser Verfolgung nicht beirren lässt durch irgendwelche spezielle Arbeitsgebiete,
die sich in ihrem Lauf eröffnen müssen.  Auch das wissenschaftliche Arbeitsgebiet darf zum Beispiel nicht beeinträchtigen den Impuls der allgemeinen anthroposophischen Bewegung.
Wir müssen uns klar sein darüber, dass der anthroposophische Impuls es ist, der die anthropo-
sophische Bewegung ausmacht, und dass, wenn in der neuesten Zeit diese und jene wissen-
schaftlichen Arbeitsgebiete innerhalb der anthroposo­phischen Bewegung geschaffen worden sind, durchaus die Notwendig­keit besteht, dass dadurch die Kraft und Energie des allgemein-anthro­posophischen Impulses nicht abgeschwächt werde, dass namentlich nicht in einzelne Wissenschaftsgebiete hinein, in die Denk- und Vor­stellungsform einzelner Wissenschafts-
gebiete hinein der anthroposo­phische Impuls so gezogen werde, dass von dem heutigen Wissen­schaftsbetrieb, der gerade belebt werden sollte durch den anthro­posophischen Impuls, wiederum so viel abfärbt, dass die Anthropo­sophie etwa chemisch wird, wie die Chemie heute ist, physikalisch wird, wie die Physik heute ist, biologisch wird, wie die Biologie heute ist.
Das darf durchaus nicht sein. Das würde an den Lebensnerv der anthroposophischen Bewegung gehen. Es handelt sich darum, dass die anthroposophische Bewegung ihre spirituelle Reinheit, aber auch ihre spirituelle Energie bewahre. Dazu muss sie das Wesen
der anthro­posophischen Spiritualität verkörpern, muss in ihm leben und weben, muss alles dasjenige tun, was aus den geistigen Offenbarungen der Gegenwart (169) heraus auch zum Beispiel in das wissenschaftliche Leben eindringen soll.   

            Nebenher, so meinte ich dazumal, könne eine solche Bewegung für religiöse Erneuerung gehen, die ganz selbstverständlich für diejenigen, die in die Anthroposophie hinein den Weg finden, keine Be­deutung hat, sondern für diejenigen, die ihn zunächst nicht finden können
Und da diese zahlreich vorhanden sind, ist natürlich eine solche Be­wegung nicht nur berechtigt, sondern auch notwendig.   

            Darauf rechnend also, dass die anthroposophische Bewegung das bleibe, was sie war und was sie sein soll, gab ich, unabhängig von aller anthroposophischen Bewegung, 
einer Anzahl von Persönlich­keiten, die von sich heraus, nicht von mir aus, für die Bewegung 
für religiöse Erneuerung wirken wollten, dasjenige, was ich in der Lage war zu geben in Bezug auf den Inhalt desjenigen, was eine künftige Theologie braucht: den Inhalt auch des Kultus-
mäßigen, das eine solche neue Gemeinschaftsbildung braucht.   

            Was da gegeben worden ist, ist von mir durchaus so gegeben worden, dass ich als Mensch andern Menschen dasjenige gegeben habe, was ich ihnen aus den Bedingungen
der geistigen Erkenntnis der Gegenwart geben konnte. Das, was ich diesen Persönlichkeiten gegeben habe, hat nichts zu tun mit der anthroposophischen Bewegung. Ich habe es ihnen
als Privatmann gegeben, und habe es so gegeben, dass mit notwendiger Dezidiertheit betont habe, dass die anthroposophische Bewegung mit dieser Bewegung für religiöse Erneuerung nichts zu tun haben darf
; dass aber vor allen Dingen nicht ich der Gründer bin dieser Bewegung für religiöse Erneuerung; dass ich darauf rechne, dass der Welt das durchaus klar gemacht werde, und ich einzelnen Persönlichkeiten, die von sich aus begründen wollten diese Bewegung für religiöse Erneuerung, die notwendigen Ratschlüsse gegeben habe, Ratschlüsse, die aller-
dings geeignet waren, einen gültigen und spirituell kräftigen, spirituell von Wesenheit erfüllten Kultus auszuüben, in rechtmäßiger Weise mit den Kräften aus geistigen Welt heraus zu zele-
brieren. Ich selber habe bei der Erteilung dieser Ratschläge nie­mals irgendeine Kultushandlung ausgeführt, sondern nur denjenigen, die in diese Kultushandlung hinein (170) wachsen wollten, gezeigt, Schritt für Schritt, wie eine solche Kultushandlung zu geschehen hat. Das war not-
wendig. Und heute ist es auch notwendig, dass innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft dies richtig verstanden wird. 

            Die Bewegung ist also begründet worden, unabhängig von mir, unabhängig von der Anthroposophischen Gesellschaft, lediglich auf meine Ratschläge hin. Und derjenige, der den Ausgangspunkt ge­bildet hat, der sozusagen die erste Urkultushandlung begangen hat inner-
halb dieser Bewegung, hat sie zwar nach meiner Anleitung be­gangen, nicht aber bin ich
irgendwie an der Gründung dieser Bewegung beteiligt.  Sie ist eine Bewegung, die aus sich selbst heraus entstanden ist, und die Ratschläge von mir bekommen hat aus dem Grunde,
weil, wenn jemand berechtigten Rat auf irgendeinem Gebiete fordert, es Menschenpflicht ist,
wenn man den Rat erteilen kann, ihn auch wirklich zu erteilen.
  

            So muss im strengsten Sinne des Wortes das verstanden werden, dass sich neben der anthroposophischen Bewegung eine andere Bewegung aus sich selbst heraus, nicht aus der anthroposophischen Bewegung heraus begründet hat, begründet hat aus dem Grunde, 
weil außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zahlreiche Menschen sind, die den Weg in die anthroposophische Bewegung hinein selbst nicht finden, die später mit ihr Zusammen-
kommen können 

            Daher muss streng unterschieden werden zwischen dem, was anthroposophische Bewegung ist, dem, was Anthroposophische Gesell­schaft auch ist, und demjenigen, was die Bewegung für religiöse Erneuerung ist.  Und es ist wichtig, dass man nicht die Anthroposophie für die Begründerin dieser Bewegung für religiöse Erneuerung hält.   

            Das hat nichts zu tun damit, dass in aller Liebe und auch mit aller Hingabe an diejenigen geistigen Mächte, welche eine solche religiöse Bewegung heute in die Welt hereinsetzen können, die Rat­schläge erteilt worden sind, welche diese religiöse Bewegung zu einer wirklichen geistigen Gemeinschaftsbildung in heute der Menschenent­wickelung gemäßem Sinne machen. So dass diese Bewegung dann in richtiger Weise entstanden ist, wenn sie betrachtet das, was innerhalb der (171) anthroposophischen Bewegung ist, als dasjenige, 
was ihr vorlaufend ist, was ihr den sicheren Boden gibt, wenn sie sich anlehnt ihrerseits an die anthroposophische Bewegung, wenn sie Hilfe und Rat sucht bei denjenigen, welche innerhalb der anthroposophischen Bewegung stehen und so weiter. Gerade mit Rücksicht darauf, 
dass die Gegnerschaft der anthroposophischen Bewegung heute so geartet ist, dass ihr 
jeder Angriffspunkt recht ist, müssen solche Dinge völlig klar sein. Und ich muss schon sagen, 
dass eigentlich jeder, der es ehr­lich meint mit der anthroposophischen Bewegung, überall 
so etwas zurückweisen müsste, wenn etwa gesagt würde: In Dornach ist im Goetheanum und durch das Goetheanum die Bewegung für religiöse Erneuerung begründet worden -, 
wenn geradezu die anthroposo­phische Bewegung als die Begründerin hingestellt würde. 
Denn das ist nicht der Fall. Es ist so, wie ich es eben jetzt dargestellt habe.   

            Und so habe ich mir vorstellen müssen gerade aus der Art und Weise, wie ich selber dieser Bewegung für religiöse Erneuerung auf die Beine geholfen habe, dass diese Bewegung bei der anthropo­sophischen Bewegung ihre Anlehnung sucht, dass sie die anthropo­sophische Bewegung als ihre Vorläuferin ansieht, dass sie Bekenner sucht außerhalb der Anthropo-
sophischen Gesellschaft,
und dass sie es als einen schweren Fehler ansehen würde, wenn sie etwa mit derjenigen Bestrebung, die gerade notwendig ist außerhalb der Anthroposo­phischen Gesellschaft, in die Anthroposophische Gesellschaft hinein­greifen würde. Denn die Anthropo-
sophische Gesellschaft wird von denjenigen nicht verstanden, der sich nicht so auffasst,
dass er ein Rater und Helfer sein kann dieser religiösen Bewegung, dass er aber nicht unmittelbar in ihr untertauchen kann. Wenn er dieses tut, so arbeitet er an zweierlei:
erstens arbeitet er an der Zertrümmerung und Zerschmette­rung der Anthroposophischen Gesellschaft, zweitens arbeitet er an der Fruchtlosigkeit der Bewegung für religiöse Erneuerung.
 Denn innerhalb der Menschheit müssen doch alle diejenigen Bewegungen, 
welche in berechtigter Weise entstehen, wie in einem organischen Ganzen zu­sammenwirken. 
Das muss aber in der richtigen Weise geschehen. 

            Es ist für den menschlichen Organismus schlechterdings un­möglich, (172)
dass das Blutsystem Nervensystem werde und das Nervensystem Blutsystem werde.
Die einzelnen Systeme müssen in reinlicher Trennung voneinander im menschlichen Organismus wirken Dann werden sie gerade in der richtigen Weise zusammenwirken.
Daher ist es notwendig, dass ohne Rückhalt die Anthroposophische Gesellschaft mit ihrem Inhalte Anthroposophie bleibe, ungeschwächt durch die neuere Bewegung; dass derjenige,
der versteht, was anthro­posophische Bewegung ist, alles das - nun nicht in irgendeinem
überheberischen, hochmütigen, sondern in einem mit den Aufgaben unserer Zeit wirklich rechnenden Sinne -, worauf es ankommt, in die Worte zusammenfasst:
Diejenigen, die den Weg einmal in die Anthropo­sophische Gesellschaft gefunden haben,
brauchen keine religiöse Erneuerung. Denn was wäre die Anthroposophische Gesellschaft, wenn sie erst religiöse Erneuerung brauchte ! 
 

            Aber religiöse Erneuerung wird in der Welt gebraucht, und weil sie gebraucht wird, 
weil sie eine tiefe Notwendigkeit ist, wurde die Hand zu ihrer Begründung geboten. 
Richtig werden also die Dinge verlaufen, wenn die Anthroposophische Gesellschaft bleibt, 
wie sie ist, wenn diejenigen, die sie verstehen wollen, wirklich auch ihr Wesen ergreifen und nicht glauben, dass sie es nötig haben, einer andern Bewegung anzugehören, die ja ihren Inhalt hat, trotzdem es in realem Sinne richtig ist, dass nicht die Anthroposophie begründet hat diese religiöse Erneuerungsbewegung; aber die religiöse Erneuerungs­bewegung; die sich selbst begründet hat, hat ihren Inhalt von der Anthroposophie her genommen   

            Wer also diese Dinge nicht sinngemäß auseinander hält, arbeitet, indem er für den eigentlichen Impuls der anthroposophischen Bewegung lässiger wird, daran, Boden und Rückgrat auch für die religiöse Erneue­rungsbewegung wegzuschaffen und die anthropo-
sophische Bewegung zu zertrümmern.
Derjenige, der, auf dem Boden der religiösen
Erneue­rungsbewegung stehend, etwa meint, dass er diese auf die anthropo­sophische Bewegung ausdehnen müsse, entzieht sich selber den Boden. Denn dasjenige, was Kultus-
mäßiges ist, muss zuletzt sich auf­lösen, wenn das Rückgrat der Erkenntnis aufgehoben wird.
(173)

            Gerade zum Gedeihen der beiden Bewegungen ist es not­wendig, dass sie reinlich auseinander gehalten werden. Daher ist es für den Anfang durchaus notwendig - weil diese Dinge in unserer Zeit, wo alles darauf ankommt, dass wir Kraft entwickeln für dasjenige,
was wir wollen -, es ist in der ersten Zeit durchaus notwendig, dass strenge darauf gesehen wird, dass die Bewegung für religiöse Er­neuerung nach allen Richtungen in Kreisen wirkt,
die außerhalb der anthroposophischen Bewegung liegen.
Dass sie also weder in Bezug auf die Beschaffung ihrer materiellen Mittel - ich muss schon, damit die Dinge verstanden werden, auch über diese Dinge reden - hineingreift in dasjenige, was die heute ohnedies sehr schwierig laufenden Quellen für die anthroposophische Bewegung sind, ihr also gewissermaßen nicht den materiellen Boden abgräbt, noch dass sie aber auf der andern Seite, weil es ihr nicht 
gleich gelingt, unter Nichtanthroposophen Bekenner zu finden, nun ihre Proselyten innerhalb 
der Reihe der Anthroposophen macht. Dadurch wird ein Unmögliches getan, dasjenige getan, was zum Untergang der beiden Bewegungen führen müsste.

            Es kommt heute wirklich nicht darauf an, dass wir mit einem gewissen Fanatismus vorgehen, sondern dass wir uns bewusst sind, dass wir das Menschennotwendige nur tun, wenn wir aus der Not­wendigkeit der Sache heraus wirken. Dasjenige, was ich jetzt als Konse-
quenzen sage, war zu gleicher Zeit die Voraussetzung für das Handbieten zur Gründung der Bewegung für religiöse Erneuerung, denn nur unter diesen Bedingungen konnte man die Hand dazu bieten. Wenn diese Voraussetzung nicht gewesen wäre, so wäre durch meine Rat­schläge die Bewegung für religiöse Erneuerung niemals entstanden.
 Daher bitte ich Sie, eben zu ver-
stehen, dass es notwendig ist, dass die Bewegung für religiöse Erneuerung wisse: dass sie bei ihrem Ausgangspunkte stehen bleiben müsse, dass sie versprochen hat, ihre Anhängerschaft außerhalb der Kreise der anthroposophischen Bewegung zu suchen, weil sie dort auf natur-
gemäße Weise zu finden ist und weil dort gesucht werden muss. 

            Dasjenige, was ich zu Ihnen gesprochen habe, habe ich nicht aus dem Grunde gesprochen, weil ich etwa besorgt bin, dass der anthroposophischen Bewegung irgendetwas abgegraben werden könnte, (174) ich habe es gewiss nicht gesprochen aus irgendwelchen persönlichen Intentionen heraus, sondern aus der Notwendigkeit der Sache heraus. 
Mit dieser Notwendigkeit ist auch verbunden, dass verstanden werde, wie allein es möglich ist, in richtiger Weise auf dem einen und auf dem andern Gebiete zu wirken. Es ist schon not­wendig, dass für wichtige Dinge klar ausgesprochen wird, um was es sich handelt, denn es besteht gar zu viel Tendenz heute, die Dinge zu verwischen, sie nicht klar zu nehmen. 
Aber Klarheit ist heute auf allen Gebieten notwendig.   

            Wenn daher etwa jemand sagen würde: Nun hat der selbst diese Bewegung für religiöse Erneuerung in die Welt gesetzt und spricht jetzt so - ja, meine sehr verehrten Anwesenden und lieben Freunde, es handelt sich darum, dass, wenn ich jemals anders hätte gesprochen über diese Dinge, so hätte ich nicht die Hand geboten zur Begründung dieser Bewegung für religiöse Erneuerung. Sie muss bei ihrem Ausgangspunkt stehen bleiben. Was ich ausspreche, ist selbst­verständlich nur ausgesprochen, damit innerhalb der Anthroposo­phischen Gesellschaft die Dinge richtig verstanden werden, damit nicht etwa, wie es vorgekommen sein soll, gesagt werde: Nun ging es mit der anthroposophischen Bewegung nicht, jetzt wurde die Be­wegung 
für religiöse Erneuerung als das Richtige begründet. - Ich bin zwar überzeugt, dass die ausgezeichneten, hervorragenden Persön­lichkeiten, welche die Bewegung für religiöse Erneuerung begründet haben, jeder solchen Legende mit aller Kraft entgegentreten werden, und dass diese hervorragenden, ausgezeichneten Persönlichkeiten es mit aller Kraft ablehnen werden, innerhalb der anthroposophischen Bewegung ihre Proselyten zu machen. 
Aber es muss das Richtige innerhalb der anthroposophischen Bewegung verstanden werden.   

            Ich weiß, wie es immer wiederum Einzelne gibt, die solche Auseinandersetzungen,
die von Zeit zu Zeit notwendig werden
- nicht zur Klage nach der einen oder andern Richtung hin, auch nicht zur Kritik, sondern lediglich zur Darstellung desjenigen, was nun ein­mal in aller Klarheit erfasst werden sollte -,
ich weiß, dass es immer Einzelne gibt, denen das unangenehm ist, wenn man an Stelle der nebulosen Unklarheit die Klarheit setzen will. Aber zum Gedeihen, zur Gesundheit sowohl der anthroposophischen Bewegung wie der (175) Bewegung für religiöse Erneuerung ist das durchaus notwendig. Es kann nicht die Bewegung für religiöse Erneuerung gedeihen, 
wenn sie irgendwie die anthroposophische Bewegung beeinträchtigen wird.   

            Das aber müssen insbesondere Anthroposophen ganz gründ­lich verstehen, damit sie überall da, wo es sich darum handelt, für die Richtigkeit der Sache einzutreten, auch wirklich
für diese Richtigkeit der Sache eintreten können. Wenn es sich daher um die Stellung eines Anthroposophen zur religiösen Erneuerung handelt, so kann es nur diese sein, dass er Rater ist, dass er dasjenige gibt, was er geben kann an geistigem Gut, dass er, wenn es sich darum handelt, an den Kultushandlungen sich zu beteiligen, sich immer bewusst bleibt, dass er 
das tut, um diesen Kultushandlungen auf den Weg zu helfen. Ein geistiger Helfer allein 
für diese religiöse Erneuerungsbewegung kann derjenige sein, der sich als Anthroposoph versteht. 

Aber nach jeder Richtung hin muss diese Bewegung für religiöse Er­neuerung von Menschen getragen werden, die noch nicht den Weg in die Anthroposophische Gesellschaft hinein selber finden können durch die besondere Konfiguration und durch die Anlage ihres Geisteslebens.   

            Also ich hoffe, dass jetzt nicht irgendjemand geht zu irgend­jemandem, der aktiv tätig ist in der religiösen Erneuerungsbewegung, und sagt: In Dornach ist gegen sie dies oder jenes gesagt worden. Es ist nichts gegen sie gesagt worden; sie ist in Liebe und in Hingebung
an die geistige Welt und in berechtigter Weise aus der geistigen Welt heraus mit Ratschlägen so versorgt worden, dass sie sich selbst be­gründen konnte. Aber von Anthroposophen muss gewusst werden, dass sie sich selbst aus sich heraus begründet hat, dass sie zwar nicht
den Inhalt ihres Kultus, aber die Tatsache ihres Kultus aus eigener Kraft heraus, aus eigener Initiative heraus formiert hat; dass das Wesen der anthroposophischen Bewegung nichts
zu tun hat mit der Bewegung für religiöse Erneuerung. Es gibt ganz gewiss keinen Wunsch
der so groß sein kann, wie der von mir, dass die Bewegung für religiöse Erneuerung unermess-
lich gedeihe, aber unter Einhaltung der ursprünglichen Bedingungen. Es dürfen nicht etwa die anthropo­sophischen Zweige in Gemeinden für religiöse Erneuerung umge­staltet werden,
weder in materieller noch in geistiger Beziehung. (176)

            Das musste ich heute aus dem Grunde sagen, weil ja da Rat­schläge für einen Kultus gegeben werden sollten, dessen Gedeihen in der Gegenwart sehr, sehr von mir gewünscht wird. Damit nicht Miss­verständnisse entstehen, indem man hinblickt auf diesen so gegeben­en Kultus, wenn ich nun überhaupt über die Bedingungen des Kultus­lebens in der spirituellen Welt morgen sprechen werde, musste ich dieses heute als Episode einfügen. Es ist eine episodische Betrachtung zum besseren Verständnis desjenigen, was ich morgen in Fortsetzung der gestern gegebenen Auseinandersetzungen zu sagen haben werde. «

 

 

 

Rudolf Steiner, Dornach, 30. Dezember 1922,

ungekürzt, aus dem Zyklus: 

»Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt -  
Die geistige Kommunion der Menschheit«, 
Elfter Vortrag, Dornach, GA 219 . 

 

Die Nummerierung in ( ) bezieht sich - zu Ihrer Orientierung - 
auf die Seitenzahl in der Leinen-Ausgabe von 1984 von GA 219.   
Hervorhebungen durch  VDL. 

Auf vielfachem Wunsch finden sich im nachstehenden Vortrag 
die - subjektiv - zentralen Aussagen Rudolf Steiners 
(entgegen dem Original) kursiv gedruckt.





Zusammenfassung



Rudolf Steiner, 30.12.1922

" Es kommt also darauf an, denjenigen Menschen etwas zu geben, die zunächst
- man muss da die historisch gegebene Notwendigkeit ins Auge fassen -
nicht in der Lage sind, unmittelbar den Gang zur anthroposophischen Be­wegung anzutreten.
Für sie muss durch Gemeindebilden in herzlichem, seeli­schem und geistigem Zusammenwirken der Geistesweg gesucht werden, welcher heute der der menschlichen Entwickelung angemessene ist. ...
welche durch Gemeindebilden, im Zusammenarbeiten innerhalb der Gemeinde,
einen andern Weg gehen müssen
,
der, ich möchte sagen, mit dem anthroposophischen erst später zusammenführt.  ...
     Nebenher, so meinte ich dazumal, könne eine solche Bewegung für religiöse Erneuerung gehen, die ganz selbstverständlich für diejenigen, die in die Anthro­posophie hinein
den Weg finden, keine Bedeutung hat
, sondern für diejenigen, die ihn zunächst
nicht finden können.
Und da diese zahlreich vorhanden sind, ist natürlich eine solche Bewegung nicht nur berechtigt, sondern auch notwendig.   
    Das, was ich diesen Persönlichkeiten gegeben habe, hat nichts zu tun mit der anthropo-
sophischen Bewegung. Ich habe es ihnen als Privatmann gegeben
,
und habe es so gegeben, dass mit notwendiger Dezidiertheit betont habe,
dass die anthroposophische Bewegung mit dieser Bewegung für religiöse Erneuerung
nichts zu tun haben darf
;
dass aber vor allen Dingen nicht ich der Gründer bin dieser Bewegung für religiöse Erneuerung; ...
Daher muss streng unterschieden werden zwischen dem,
was anthropo­sophische Bewegung ist, dem, was Anthroposophische Gesellschaft auch ist, und demjenigen, was die Bewegung für religiöse Erneuerung ist. ...
dass sie Bekenner sucht außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ...
Denn die Anthroposophische Gesellschaft wird von denjenigen nicht verstanden,
der sich nicht so auffasst, dass er ein Rater und Helfer sein kann dieser religi­ösen Bewegung, dass er aber nicht unmittelbar in ihr untertauchen kann.
Wenn er dieses tut, so arbeitet er an zweierlei:
erstens arbeitet er an der Zer­trümmerung und Zerschmetterung
der Anthroposophischen Gesellschaft,
zwei­tens arbeitet er an der Fruchtlosigkeit der Bewegung für religiöse Erneuerung.  ...
Diejenigen, die den Weg einmal in die Anthroposophische Gesellschaft ge­funden haben, brauchen keine religiöse Erneuerung. ...
     Gerade zum Gedeihen der beiden Bewegungen ist es notwendig,
dass sie rein­lich auseinander gehalten werden.  ... 
dass strenge darauf gesehen wird, dass die Bewegung für religiöse Erneuerung
nach allen Richtungen in Kreisen wirkt, die außerhalb der anthroposophischen Bewegung liegen.  ... 
noch dass sie aber auf der andern Seite, weil es ihr nicht gelingt, unter Nicht-anthroposophen Bekenner zu finden, nun ihre Proselyten innerhalb der Reihe
der Anthroposophen macht. ...
     Wenn diese Voraussetzung nicht gewesen wäre,
so wäre durch meine Ratschläge die Bewegung für religiöse Erneuerung
niemals entstanden
. ...
Es ist schon notwendig, dass für wichtige Dinge
klar ausgesprochen wird, um was es sich handelt
denn es besteht gar zu viel Tendenz heute, die Dinge zu ver­wischen, 
sie nicht klar zu nehmen. "

 

RUDOLF STEINER,  Auszug aus dem Vortrag vom 30. Dezember 1922, GA 219

 


" Y.:    Es ist die Frage aufgetaucht nach dem Verhältnis zur religiösen Bewegung. 

  X.:    Die Rituale werden aufgefasst als Besitz der Christengemeinschaft. 

Rudolf Steiner:    Es ist niemals für die Rituale, etwa ausgesprochen worden,
dass sie der Priesterschaft gehören
.  ...

Die Sache ist so klar, wie nur irgendetwas. 
Die Christengemeinde ist etwas, was mit der Anthroposophischen Gesellschaft
nicht das Geringste zu tun hat
.
Und auch nicht etwas, was mit der Anthroposophischen Gesellschaft zusammenhängt.
Die Christengemeinde ist etwas für sich Bestehendes.
Zur Anthroposophischen Gesellschaft steht die Christengemeinde
in keinem anderen Verhältnis als der Katholizismus oder die Quäker
. "

 

RUDOLF STEINER,  Stuttgart, 9.12.1922, zu den freien christlichen Religionslehrern; 
siehe "Zur religiösen Erziehung....", Päd. Forschungsstelle, 1997, S.172.




Sind wir genügend informiert ?   


Die Thematik ist diffizil ... 

 

Denn trotz der - hier angeführten, eigentlich eindeutigen - Stellungnahmen Steiners 
gibt es an anderen Stellen Aussagen, 
die vordergründig die Kirche "Die Christengemeinschaft" scheinbar doch 
als die für Anthroposophen angemessene Kirche erscheinen lassen ... 

wenn man eben nicht gewillt ist, den ganzen Kontext anzuschauen.  

Und dafür gibt es tragische Gründe ... 

 

Aber letztlich kommt es doch darauf an,
was ICH in der momentanen Heraus­forderung brauche / geben kann,
was not-wendig ist
auf meinem Weg !?

 

Denn geht es um die religiöse Freiheit des Einzelnen,
kann und darf es nicht nur "einen Weg" geben !   
Und schon stellt sich die Frage: "WAS WILL JCH?"

 

Da Steiner derartig prononciert artikuliert:  
Gibt es denn Alternativen ?

Ja, mit dem "freien christlichen" Kultus-Impuls gab Steiner 
"spezifisch anthropo­sophische", allgemein-priesterliche, überkonfessionelle, freie Wege.

 

Um mich entscheiden, urteilen zu können, muss ich informiert sein ...  

Hörensagen oder (Vor-)Urteile anderer Kapazitäten reichen nicht aus 

und sind doch immer wieder subjektiv, tendenziös und manchmal auch mani­pulativ, 
oder sogar objektiv falsch  ( leider gibt es dazu genügend Beispiele .. 
und leider sind Sie auch bei Darlegungen offizieller Institutionen 
verschiedentlich doch vor Einseitigkeiten und Desinformation nicht gefeit. )  

 

Scheinbar steht zu viel auf dem Spiel:  
Denn würden "die Anthroposophen" ein­sehen, 
dass sie auch sakramental einen eigenen, "spezifisch anthroposophischen" Weg 
suchen sollten und können,  
könnten sie der quantitativ sowieso schon bedrohlich kleinen "Christengemeinschaft" 
verloren gehen ..  
Was wäre diese aber - quantitativ - ohne die Waldorf- und Anthroposophen-Scene ?  ... 


... eine hoch problematische Thematik ... 


Zum Thema "Anthroposophie + Kirche" 

gehört natürlich nicht nur
die Kirche "Die Christengemeinschaft" ...
In der Seite "Ökumene" finden Sie weitere Gedanken dazu :

Siehe auch zur Kritik an den "freien christlichen Impuls heute"
und auch zur "Problematik Christengemeinschaft" ::

Jeder Mensch ..werde.. ein Priester!

Die Kirche kann,
wenn sie sich richtig versteht,
nur die eine Absicht haben,
sich unnötig zu machen auf dem physischen Plane,
indem das ganze Leben
zum Ausdruck des Übersinnlichen
gemacht wird.
Rudolf Steiner,   9. 10. 1918

frei + christlich